Kraft Augenoptik

Betritt man Kraft Augenoptik ist man fast geneigt, einen Mai-Tai zu bestellen. Das Interieur erinnert mit seinen gemütlichen Lounge-Sofas und der stylischen Deko eher an einen Düsseldorfer Club als an ein schwäbisches Optiker-Fachgeschäft. Trotz des modernen Ambientes in seinem Laden legt Inhaber Andreas Kraft viel Wert auf Tradition. Die Optiker-Leidenschaft hat er praktisch mit der Muttermilch aufgesogen und er lebt sie konsequent in der Beziehung mit seinen Kunden, seinen Mitarbeitern und seinen Produkten aus. Und diese Leidenschaft erwartet er auch von anderen. Was ihn persönlich nicht überzeugt, schafft auch nicht den Weg in seine Regale. Brands müssen schon das gewisse Etwas haben, damit bei Andreas der Funke überspringt. Qualität und Service sind für den Schwaben ein Hygienefaktor, sein Anspruch geht aber weit darüber hinaus: er will, dass der Brillenkauf zu einem Genuss für Leib und Seele wird. Und so etwas spricht sich natürlich schnell herum. Was seine Kunden sonst noch erwarten dürfen, hat er uns im Interview verraten.

Andreas, schön, dass Du für unser Retail Profile zur Verfügung stehst. Unabhängig von Deinem Beruf. Was inspiriert Dich?
Länder, Menschen, Abenteuer. Mit dem Boot rausfahren zum Angeln und durch die südnorwegischen Schären cruisen. Im Yukon Schneehöhlen bauen und auf Polarlichter warten. Ein nächtliches Bad in heißen Schwefelquellen, im nordkalifornischen Niemandsland während dir jemand den indianischen Sternenhimmel erklärt.

Das klingt sehr romantisch. Offensichtlich bist du jemand, der sinnliche Erfahrungen schätzt.
Wie kam es dazu, dass du Optiker geworden bist?
Das hat bei uns Familientradition und muss wohl in den Genen liegen. Meine Mutter saß während ihrer Ausbildung mit mir hochschwanger im Kontaktlinsen-Kurs, ich wurde als „Schwarzhörer“ bezeichnet. Mein Großvater hat meine Großmutter in den 1920ern in einer damaligen Stuttgarter Brillenfabrikation kennengelernt. Die gute Dame feiert in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag. Sie hat nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für das heutige Unternehmen gelegt. Dies fortzuführen, neu zu beleben und zu interpretieren, ist für mich eine tolle Herausforderung.
 
Was reizt Dich am Beruf des Optikers?
Brillen sind einzigartige Produkte. Ich glaube, es gibt kaum ein anderes Produkt, das einen mit seinem Kunden so stark verbindet wie eine Brille. Fast alles geschieht aus einer Hand und ist sehr persönlich: die Beratung, der Sehtest, die Auswahl, die eigene Werkstattarbeit. Richtig inszeniert erfährt man ein sehr direktes und authentisches Einkaufserlebnis.
 
Ihr habt mehrere Standorte. Führt ihr dort unterschiedliche Sortimente für verschiedene Zielgruppen oder ist es das gleiche Konzept einfach an unterschiedlichen Locations?
Wir haben keine von Marketingexperten vorgegebene Zielgruppe, die wir erreichen müssen.
Natürlich stellen wir uns so auf, dass wir für unser Umfeld und für unsere Kunden attraktiv sind. Dabei fragen wir uns, was wir als Kunde erwarten würden, und wie wir das am besten für den jeweiligen Standort umsetzen können. Das Grundkonzept ist immer gleich. Wir haben jeweils eine Basiskollektion und dazu die passenden Variablen, die von den Geschäftsführen der Standorte ausgewählt werden.
Um das Erscheinungsbild einheitlich zu gestalten, gibt es eine „No-Go“ Liste – also Produkte von Firmen, die wir unseren Kunden nicht zumuten wollen, und mit denen wir uns auch nicht identifizieren können.

Ein spannender Ansatz. Wie würdest Du Deine Geschäftsphilosophie beschreiben?
Als Realökonom bin ich meinen Kunden, meinen Mitarbeitern und dem Produkt verpflichtet.
Wir halten das Gleichgewicht zwischen Pioniergeist und Tradition und verfügen über einen ausgeprägten Ehrgeiz, es jeden Tag noch besser zu machen als der Mitbewerber.
 
Was macht Kraft Augenoptik denn zu etwas Besonderem?
Letztendlich steht und fällt alles mit dem Team. Ich bin verdammt stolz auf unsere Mannschaft. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter sind an die zehn Jahre im Unternehmen und gestalten unseren Auftritt aktiv mit. Das macht uns authentisch und schafft eine hohe Kundenbindung.
 
Schaut man sich in Deinem Geschäft um, fällt einem sofort Dein selektives Markenportfolio auf. Welche Labels schaffen den Sprung in euer Geschäft?
Brands brauchen eine echte Geschichte, a bissel Herzblut bitte – da müssen leidenschaftliche Macher dahinterstehen und nicht nur Namen. Wenn dann noch Design, Qualität und Preis-Leistung stimmen, perfekt!
 
Was sind aus deiner Sicht aktuelle Newcomer, kleine Marken, die Potential haben?
Garrett Leight, der Sohn des Oliver People Founders Larry Leight, kommt mit einer neuen Kollektion. Auf den ersten Blick nichts Neues, aber sehr schön umgesetzt. West-Coast Klassiker im Zeitgeist- Gewand. Wer es lieber architektonischer mag, sollte die dänische Marke Kilsgaard unter die Lupe nehmen. Die Brillen aus Aluminium sind echte Gesichtsschmeichler. Ein ebenfalls interessantes Projekt ist die Collaboration zwischen DITA Eyewear und dem New Yorker Modemacher Thome Browne. Tragbar bis experimentell, immer mit einem kleinen Schlag ins off – das macht die Debüt-Kollektion recht spannend.
 
Welche Styles werden 2012 Akzente setzen?
Wir befinden uns definitiv an einem Wendepunkt. In den letzten fünf Jahren war recht klar, was Sache ist – ausdrucksstarke kräftige Kunststoffassungen, meist bestehend aus einer Melange aus den Farben Schwarz und Braun. Der Markt dürstet nach etwas Neuem, aber zurzeit kann noch keiner sagen, was tatsächlich funktionieren wird. Das führt zu mehr Experimentierfreude in der Brillenmode und zu einer neuen Vielfalt. Langsam wird die Metallbrille in ihrer ursprünglichen Form wiederentdeckt. Anstatt nur mit einem dünnen, recht zweidimensionalem Blech zu arbeiten, bevorzugt man wieder Profildraht, Blenden und geprägte Fassungsteile. Man spielt mit pantoskopischen und runden Formen der 1920er und 1930er, kokettiert mit Anleihen der 1950/1960er wie z. B. den Cateyes. Insgesamt wird mehr Lebendigkeit erzielt durch dezente Farbgebungen und aufwendige Details, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Bei den Sonnenbrillen lässt der neue Stil eine Reminiszenz der 1990er erkennen.
 
Vor dem Ethanol-Kamin stehen zwei gemütliche Sofas, auf dem Tisch liegen Magazine, darunter sogar ein eigenes Kundenmagazin. Das alles ist schon recht ungewöhnlich für einen Optiker. Was motiviert Dich dazu?
In unserem Laden sollen sich nicht nur die Kunden wohlfühlen, sondern auch die Mitarbeiter. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue in den Laden zu gehen. Das ist immer ein bisschen wie nach Hause kommen. Eine gemütliche Loftatmosphäre halte ich für angebrachter als ein klinisch weißes Kristall- und Spiegel-Kabinett. Diesen hygienisch übermotivierten und kahlen Ladenbau verstehe ich sowieso nicht. Was soll das? Das geht doch komplett an der menschlichen Befindlichkeit vorbei.
Das Magazin ist ein schönes Mittel, die eigene Gedankenwelt zu kommunizieren und dem Kunden Einblicke zu geben, die sich ihm sonst vielleicht nicht erschließen würden.
 
Sicher wissen Deine Kunden das zu schätzen. Wer kauft Brillen bei euch? Sind es nur Stuttgarter oder kommen eure Kunden auch von weiter her?
Alle Menschen die Spaß an der Brille haben: Politiker, Schauspieler, Ärzte, Architekten, Autoren, Manager und Kreativschaffende kommen gerne zu uns, wenn sie auf der Suche nach etwas Besonderem sind. Darunter sind natürlich viele Stuttgarter, die ihren Heimvorteil nutzen, aber auch ein großer überregionaler Kundenstamm, der bei seinem heimischen Optikern nicht die passende Auswahl findet. Es kann schon mal vorkommen, dass ich einen Anruf aus dem EMI Music Headquarter bekomme: “…wir sind mit ’nem Act für den Komet nominiert, mach mir zur Veranstaltung ’ne passende Brille zum Outfit… such mir was raus!“. Das Ding geht ohne Anprobe raus. Als Bestätigung bekomme ich meist ein Poloraid per Post, mit einem kurzen Gruß: „Sensationell! Danke.“

Eine schöne Bestätigung für Deine Arbeit. Zählst Du auch Stars und Sternchen zu Deiner Kundschaft? Und wem würdest Du gerne mal eine Brille verkaufen?
Es kommt schon vor, dass wir für Stars was machen, aber wir forcieren das nicht speziell. US Comedian Ben Gleib hat bei den letzten Grammys eine Brille von uns getragen. Und in dem einen oder anderen Musikvideo sieht man schon mal etwas von uns. Schön war die Einladung von Mando Diao, als sie im Rahmen ihrer Tour in Stuttgart waren. Sie hatten keine Zeit, in den Laden zu kommen, also sind wir mit einer Vorauswahl im Musterkoffer Backstage in die Schleierhalle. Die Jungs hatten einen Mordsspaß, während ihres Soundchecks zu shoppen. Grundsätzlich freuen wir uns über jeden, der uns das Vertrauen schenkt, ihn beraten zu dürfen. Da haben wir keine Präferenzen diesbezüglich.
 
Was ist mit Winfried Kretschmann?
Warum nicht… 😉
 
Seit ein paar Jahren sieht man Dich auf Messen nicht nur als Besucher, sondern auch als Aussteller. Mit Deinem Label Wonderglasses bist Du bereits recht präsent. Wie kam es dazu?
Letztendlich war es das Ergebnis einer weinseligen Nacht. Wonderglasses entstammt einer Kollaboration mit dem Stuttgarter Modelabel Blutsgeschwister anlässlich der Berliner Fashion Week 2008. Es war eigentlich nur ein Experiment, das in der Zwischenzeit jedoch so gut funktioniert, dass es kaum noch ein Zurück gibt.

Wie sieht Deiner Meinung nach die Zukunft der Branche aus?
Der Zenit der Brille als Massenware ist überschritten.
Ebenso werden es Betriebe schwer haben, die versuchen, simplen Grundnutzen als exklusiven Artikel zu verkaufen. Die Möglichkeiten, eine Brille immer stärker zu personalisieren wird auch das zukünftige Kaufverhalten beeinflussen. Qualität und Sehkomfort gewinnen deutlich an Bedeutung.
So wie wir immer mehr darauf achten, was wir essen und von wem es kommt, werden wir auch verstärkten Wert darauf legen, mit was wir „schauen“.
 
Auch wenn es hart auf hart kommt, was wird Kraft Augenoptik niemals tun?
…. die Leidenschaft verlieren.
 
Andreas, vielen Dank für das Interview!

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