Kurz und Weit

Das Brillenbusiness lebt von Innovation. In Sachen Design zeigen die Kreativköpfe der Branche regelmäßig, dass es immer wieder Neues auf die Nase gibt. Da ist es beim Brillenvertrieb schon anders und vor allem übersichtlicher: Das Label macht Brillen und verkauft sie an Optiker und der Optiker ordert Brillen und verkauft diese an seine Kunden. Dachten wir. Aber seit wir Jens Heinzerling und seinen Laden „Kurz und Weit“ aus Köln kennen, erweitert sich unser Bild des Brillenretails um ein tolles Konzept: Als Brillendienstleister bietet er gemeinsam mit seinem Team den Kunden die Möglichkeit, individuelle Brillen nach ganz eigenen Wünschen anfertigen zu lassen. Grund genug für uns, ihn einmal selbst erzählen zu lassen.

Wer ist Kurz und Weit?
Das bin ich – Jens Heinzerling, 36, Wahl-Kölner, Gründer und Geschäftsinhaber und meine Partnerin Ina Guse, 33, Wahlkölnerin, Augenoptikerin und kreativer Kopf, sowie schärfste Kritikerin von Kurz und Weit. Dritter im Bunde ist André Jansen, 49¾, Wahlkölner, angestellter Augenoptiker bei Kurz und Weit, Hobbyfotograf, Hobbygrafiker und Talent für alles!

Wer ist Vater der Idee von Kurz & Weit?
Ina und ich hatten vor fünf Jahren die Idee. Nach drei Jahren Vorbereitungszeit war’s 2010 dann endlich soweit!

Wie kamst Du auf die Idee, Deinen Kunden Wunschbrillen als Dienstleistung anzubieten?
Irgendwann in meinem alten Job stand ich im Laden und fragte mich nach dem Sinn des Ganzen. Da fiel mir auf, dass ich mich in etwas verrannt hatte, was mir immer weniger Freude bereitet hat. Und der Grund für meine Berufswahl lag eindeutig in der Kreativität und dem Handwerk. Also musste das Erlernte mit dem Spaßfaktor kombiniert werden.

Deinen Laden „Kurz und Weit“ gibt es jetzt seit knapp zwei Jahren – wie fühlt es sich an in der Selbstständigkeit?
Das Kundenfeedback geht zu 100% an uns selbst. Und es ist schon sehr motivierend zu sehen, dass das, was wir machen, bei den Kunden ankommt und verstanden wird. Unser Konzept wachsen zu sehen, ist wirklich sehr spannend.

Beschreib doch mal kurz Eure Geschäftsphilosophie.
Um ehrlich zu sein, haben wir noch keine Philosophie definiert, dafür sind wir noch zu jung. Wir können den Kunden zu jeder Brille und zu jeder Brand etwas Eigenes erzählen. Das bleibt bei den Kunden haften. Grob würde ich sagen, dass wir uns ausschließlich auf die deutschen Hersteller konzentrieren und „Made in Germany“ anbieten.

Welche Labels sind das und nach welchen Kriterien suchst Du sie aus?
Martin & Martin, Funk, Meyer Eyewear und Framers. Zu jedem Label im Laden wiederum gibt es eine Geschichte. Pauschal wurde da nicht ausgewählt. Zum einen bestand schon von vornherein der Kontakt zu den Leuten hinter den Brands und zum anderen ergänzen sich die Kollektionen hervorragend. Martin Lehmann von Martin & Martin war uns in der Entstehung der Brillenwerkstatt sehr hilfreich. Deshalb war es eine Ehrensache Martin & Martin in die Kollektion aufzunehmen.

Verstehst Du Dich als Brillendesigner oder als Brillendienstleister?
Brillendesigndienstleister!

Du hast in jungen Jahren mal gesagt, dass Du nach der Ausbildung „eigene Brillen machen willst“. War freier Brillendesigner jemals eine berufliche Option für dich?
Den Gedanken hatte ich nie und die Chance hat sich nie ergeben. Jetzt aber kann ich bei allem selbst entscheiden. Die Sachen, die ich plane und konstruiere, biete ich ausschließlich meinen Kunden an.

Arbeitest Du dabei digital oder analog?
Zunächst wird analog von Hand gezeichnet und später dann digital umgewandelt. Das lässt Raum für viele Feinheiten. Wir können sogar die Farben scannen und in den Entwurf einbetten. So sieht man die fast fertige Brille, bevor wir angefangen haben.

Wie läuft das für den Kunden ab?
Die Vorgehensweise ist bei jedem Kunden anders. Jemand hat eine konkrete Idee, die wir umsetzten. Ein Anderer möchte das heißgeliebte 50er Jahre Relikt in Rot, Braun und Schwarz nachgebaut bekommen. Und wieder ein Anderer möchte etwas „Eigenes“ kreiert bekommen.

Und wie sieht der Prozess im Einzelnen aus?
Wir versuchen zunächst den Wunsch des Kunden zu verstehen, um nicht aneinander vorbei zu reden. Dann fotografieren wir das Gesicht des Kunden und zeichnen die Fassung von Hand auf das Bild. Das schafft zumindest auch für den Kunden die nötige Objektivität zu sich selbst. Wenn dem Kunden der Entwurf gefällt, fertigen wir ein Cut-Out, ein Formmuster aus Acetat, das dem Kunden hilft, sich die Fassung besser vorstellen zu können und uns hilft es, die Größe, Nasenauflage und Bügellänge fein zu tunen.

Die DIY-Grundidee erinnert an gewisse ID-Programme z. B. für Sneaker großer Sportartikelhersteller – hat Deine Vorgehensweise etwas damit gemein?
Auf keinen Fall. Die Auswahl bei diesen ID-Angeboten ist, bis auf die Farben, absolut eingeschränkt. Vielleicht bekomme ich auch noch meinen Namen draufgestickt – das war’s! Bei uns ist alles frei wählbar. Wir können sogar dein Lieblingsshirt laminieren lassen und passend zum Outfit die Brille fertigen.

Was war das abgefahrenste Modell, das Du bisher erstellt hast?
Ein 50er Jahre Vintagemodell in hellblau mit Intarsien aus einem 40 Jahre alten Dekoracetat. Das war spannend! Und abgefahren!

Wie lange brauchst Du im Schnitt für die Produktion einer Wunschbrille?
Je nachdem wie komplex der Wunsch ist, kann die Brille in drei Wochen fertig sein. Wenn’s sehr schwierig wird, kann es auch mal länger dauern.

Auf welche Kosten muss sich Dein Kunden beim Endprodukt einstellen?
Bei den Basics starten wir bei 299,- €. Für zusätzliche Arbeitsschritte berechnen wir je 50,- €. Der Preis funktioniert wie ein Baukasten, so dass der Kunde selbst mitrechnen kann. Preise für Holz- und Büffelhornbrillen werden je nach Materialaufwand individueller berechnet.

Welche Parameter kann der Kunde selbst aussuchen?
Alle! Es gibt keine Grenzen, sogar die Kunststofffarben können individuell gefertigt werden!

Mit welchen Materialien arbeitest Du?
Acetat ist der Klassiker. Mittlerweile haben wir ca. 800 Farben hier. Wir arbeiten aber auch mit Holz, Büffelhorn und Edelstahl, Aluminium und den klassischen Metallen aus dem Brillenbau. Besondere Kunststoffe, die wir hier haben, sind Elforyn und Juma. Ein Material auf Mineralstoffbasis, das Elfenbein sehr ähnlich ist – in Deutschland entwickelt und produziert.

Gibt es Materialien, mit denen Du bevorzugt arbeitest?
Am liebsten ist mir Acetat. Bei Büffelhorn entwickeln sich in mir vegane Tendenzen…

Stehen Deine DIY-Brillen nicht in Konkurrenz zu den Labels, die Du anbietest?
Nein. Wenn der Wunsch nach einem individuell gefertigten Brillengestell besteht, ist das vom Kunden schon von vornherein so geäußert worden.

Was unterscheidet „Kurz und Weit“ von anderen Optikern?
Ganz klar unsere individuelle Prise! Wir beraten unsere Kunden wie gute Freunde und Familie und die Kunden wissen das sehr zu schätzen. Eine Kundin sagte zu mir: „Du bist einer von uns!“

Wer sind deine Kunden? Kommen auch Kunden außerhalb Kölns zu Dir?
Vom Studenten über den Uniprofessor bis hin zum anspruchsvollen Rentnerehepaar, alles.
Ich bin immer wieder verwundert, wie die Leute auf uns aufmerksam werden. Größtenteils kommen die Kunden aus dem größeren Umkreis zu uns. Einige Kunden haben wir auch im Ausland. Die Brille mit dem längsten Postweg ging nach Kapstadt.

Woher kennen Dich die Kunden?
Viele Kunden kommen über eine Weiterempfehlung. Einige finden uns im Internet oder haben einen Artikel über uns gelesen. Einige Zufallstreffer sind auch dabei, also Laufkundschaft sozusagen. Eine Kundin haben wir auf dem Rückflug aus dem Urlaub kennengelernt. Sie war schon lange auf der Suche nach ihrer Wunschbrille. Wir haben sie ihr dann gebaut.

Kennst Du andere Brillenhersteller, die eine Dienstleistung wie Eure anbieten?!
Im Laufe der Zeit lernt man einige kennen, die ihr Geschäft mit selbstgemachten Brillen bereichern. In dem Umfang in dem wir das machen, kenne ich keinen.

Was schätzt Du am meisten an Deiner Arbeit?
Das zu tun, was ich wirklich möchte und die Kunden damit zu begeistern.

Du arbeitest verhältnismäßig unabhängig von Trends. Besuchst Du trotzdem Messen?
Ja, sicher! Dabei interessiert mich aber vor allem die Bauweise verschiedener Brillenfassungen und deren Qualität und die Art, wie sie gefertigt wurden.

Welche Trends werden kommen?
Der Trend geht zu filigranen und feinen Formen. Kunststoff behält die Oberhand. Große Formen sind noch lange nicht vom Tisch. Wirklich bunte Farben kommen ins Spiel. Metallfassungen werden sich weiter entwickeln. Materialien werden wieder öfters kombiniert. Ich freue mich drauf!

www.kurzundweit.de

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