Anthony Aiden Opticians, New York City

„East Village, West Village, Uptown, Downtown. Round and around and around… You might never come down…“
– Joey Ramone, New York City.

Das East Village in Manhattan machte als Geburtsort der amerikanischen Punk-Rock-Bewegung Geschichte und besetzt seit jeher eine Vorreiterrolle in vielen Bereichen der Kultur. Ein Ort, an dem freidenkende Persönlichkeiten aufeinanderprallen, künstlerische Spannungen bis zum Siedepunkt hoch brodeln und schließlich in aller Welt ihre Wirkung entfalten. Ein Ort, an dem Andy Warhol fest etablierte Konventionen in der Welt der Kunst über den Haufen warf und die Ramones den Soundtrack zur Desillusionierung einer ganzen Generation komponierten. Seit 1989 ist das East Village auch Wirkstätte einer neuen Generation von amerikanischen Brillendesignern. Als der aus Brooklyn stammende Optiker Anthony Aiden sein eigenes Fachgeschäft am 42 St. Marks Place eröffnete, wollte er von Anfang an seine Kunden im ehemaligen Revier von Joey Ramone und Johnny Thunders für stilsichere Brillen von aufstrebenden Designermarken wie Oliver Peoples, Barton Perreira und Thom Browne begeistern. Als wir für das Photoshooting den relativ kleinen Laden von Anthony Aiden Opticians betreten, fühlen wir uns sofort an den rebellischen Geist von Punk Rock und Postmoderne erinnert. Die schrägen Regale auf rauen Betonwänden und die industriell angehauchten Glasauslagen quellen über mit über 800 Brillenpaaren aus rund zwölf ständig wechselnden Designer-Kollektionen. Gründer Anthony Aiden lässt seinen Blick über die fast 180 Quadratmeter Verkaufsfläche streifen – im hinteren Bereich nimmt die Brillenwerkstatt noch weitere 100 Quadratmeter ein – und meint gelassen: „Klein, aber effektiv… Aber hey, wir sind hier in NEW YORK!“ Der Laden bietet Kunden eine entspannte Atmosphäre ohne Druck zum Kauf. Rund 95% des Sortiments bestehen aus Brillen und Sonnenbrillen mit Korrekturlinsen und zu 5% aus herkömmlichen Sonnenbrillen. Im Gespräch mit EYEWEAR Magazine erklärt Anthony Aiden, wie man dauerhaft in der Brillenbranche relevant bleiben kann und spricht über seine aktuelle Kampagne, den amerikanischen Kunden zum Aufbau einer eigenen „Brillen-Garderobe“ zu überzeugen, da eine einzige Brille einfach nie genug sein kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Anthony. Was gibt’s heute Neues im East Village?
Alles! Unsere Gegend entwickelt sich ständig weiter. Sie hat sich von einer chaotischen Künstlergemeinschaft zu einem multikulturellen Schmelztiegel entwickelt. Bei uns gibt’s mittlerweile Restaurants aus allen Ländern der Welt, Bars in denen man die Nacht durchfeiern kann, modisch top-aktuelle Designer, die mit ihren Schnitten Akzente setzen und natürlich progressive Geschäfte, in denen es den letzten Schrei in Sachen Haushaltswaren, Schmuck und Klamotten gibt, wie man es sonst nur aus Paris kennt.

Du bist jetzt seit 1989 im Geschäft. Was hat Dich zum Optikerhandwerk gebracht?
Ich fand die Optikbranche sehr spannend, da man nicht nur die Sicht einer Person verbessert, sondern auch zu einem hohen Grad ihre Selbstwahrnehmung und die Art, wie andere Menschen sie sehen. Manchmal kommen Leute in den Laden und tragen Brillen, die ihren wahren Charakter verdecken und wir verpassen ihnen die perfekte Brille… eine natürliche Passform mit tollen Kombinationen aus Farben, Formen und Materialien. Es ist schon eine Genugtuung, wenn man das Leben eines Menschen zum Positiven verändern kann.

Und wie kam die Entscheidung zum eigenen Laden?
Man kann seine ganze Karriere lang Geld für andere Leute verdienen, oder man kann das Risiko eingehen, auf eigene Faust erfolgreich zu sein. Sein eigenes Geschäft zu eröffnen, ist der stressigste Moment einer Karriere. Man muss sich um so viele Sachen Gedanken machen – einfach abschließen und nach Feierabend an etwas anderes denken geht leider nicht. Angst vorm Scheitern, Verlust des investierten Geldes und allerlei Sorgen gehen einem durch den Kopf. Ich glaubte aber an mein Talent und Gespür für Mode. Schon eine Gradwanderung, aber 24 Jahre danach sind wir immer noch dabei und ich bin stolz, eine Institution im East Village geschaffen zu haben, die neue Trends setzt, anstatt anderen zu folgen. Und wir haben nie nachgelassen.

Wie kamst Du zum East Village als Standort?
Als Teenager zog es mich schon immer ins East Village, da es ein ganz einzigartiger Teil von Manhattan war. Das Viertel hatte eine bewegte, umtriebige Vergangenheit und die Stimmung und Coolness hatte etwas ganz Besonderes. Hier eröffneten Designer eigene Geschäfte und schufen die neusten Trends. Da wollte ich mitmachen. Ich wollte so etwas im Optikerhandwerk schaffen und in Sachen Brillen neue Trends setzen. Ich habe bereits in vielen Gegenden von Manhattan gearbeitet, von der Wall Street bis zur Upper East Side, aber die hippen Kunden im East Village finde ich immer noch am lustigsten und unterhaltsamsten.

Was waren seit Euren Anfängen die wichtigsten Veränderungen?
Im Laufe der Jahre entwickelte der Laden eine gewisse Eigendynamik. Durch Mundpropaganda kamen immer mehr Kunden, um unsere Neuheiten zu sehen. Dank unserer sorgfältigen Produktauswahl, unserer abgefahrenen Schaufensterdekos und Empfehlungen zufriedener Kunden, wurde aus unserem Zwei-Mann-Betrieb ein Unternehmen mit heute zehn Angestellten.

Und wie hat sich die Brillenbranche verändert?
Auch die Branche hat sich rasant verändert. Heute gilt es nicht mehr als uncool, eine Brille zu tragen. Aus einer Notwendigkeit ist ein Modeaccessoire geworden. Und dank der Beziehungen, die ich in Sachen Produktentwicklung in der Branche aufgebaut habe, konnte ich das Brillendesign im weiteren Sinne auf eine höhere Ebene bringen. Für diese Chance bin ich auch sehr dankbar.

Eure Markenauswahl ist sehr durchdacht und exklusiv. War das von Anfang an der Anspruch?
Wir wollten von Anfang an erreichen, dass das Tragen von Brillen als lustig, hip und cool gilt – und nichts hilft dabei mehr, als eine individuelle Linie zu kultivieren. Das geht einfach nicht mit massenhaft hergestellten Standard-Modellen, wie sie die großen Ketten und Kaufhäuser anbieten. Ich habe immer Marken und Designer ins Programm genommen, die mit meiner Philosophie in Einklang stehen, die keine Angst haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Das war immer unser Anspruch und dadurch konnten wir uns auch von allen anderen in der Branche abheben.

Wie würdest Du die Philosophie von Anthony Aiden Opticians beschreiben?
Ganz grundlegend? Den Kunden um jeden Preis zufrieden zu stellen! Manchmal ist das wichtiger, als Gewinn zu erzielen. Dem Kunden etwas beibringen, damit er zufrieden und selbstbewusst mit der Brille seiner Wahl nach Hause geht. Einfach Produkte verkaufen kann jeder, aber wir verkaufen nicht nur Brillen, sondern auch ein Image, einen Lifestyle – und den trägt man dann im Gesicht, für alle Welt sichtbar. Das ist auch die beste Form der Werbung!

Sehr interessant fanden wir den Ansatz, den Kunden beim Aufbau einer „Brillen-Garderobe“ zu helfen. Was steht dahinter?
Ganz einfach… die Leute haben zehn Paar Schuhe, acht verschiedene Handtaschen, sechs Lederjacken und eine Brille. Das sehen wir immer wieder. Brillen sind aber nicht nur Sehhilfen, sondern auch der erste Eindruck, wenn man neue Leute trifft. Da geht es um Image und Wahrnehmung, sowohl nach Innen als auch nach Außen. Deine Jacke kannst du ausziehen und aufhängen, deine Tasche in die Ecke stellen und auf deine Schuhe achtet auch niemand die ganze Zeit. Aber deine Brille trägst du vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen die ganze Zeit mitten im Gesicht.

Also reicht ein einziges Paar auf keinen Fall?
Vielleicht hat man ja an einem Tag eher Lust auf einen schweren, schwarzen Rahmen im Retro-Style. Dann wieder ein schickes, leichtes Tortoise-Gestell. Oder mal ein fast unsichtbares, rahmenloses Modell oder eine tiefschwarze Sonnenbrille für den Morgen danach… Es gibt so viele Möglichkeiten, warum sich also auf nur eine Brille beschränken? Das macht man auch nicht bei seinen Klamotten, Schuhen oder Taschen – darum also auch nicht mit dem markantesten Accessoire, das man täglich anhat.

In Europa ist es bereits weiter verbreitet, dass Leute mehrere Brillen für verschiedene Anlässe besitzen. Muss sich das in den USA noch etablieren?
Ja, auf jeden Fall! Amerikaner meinen, sie brauchen nur eine Brille. Das hat man ihnen so eingetrichtert, weil Brillen bis vor kurzem auch nicht als Mode-Accessoires galten. Ich könnte mich nie auf eine Brille beschränken, auch nicht aus praktischer Sicht. Was, wenn die mal kaputt geht?

Mit welchen Promis arbeitest Du zusammen?
Willst Du mich in Schwierigkeiten bringen?! Ich kann dir nicht sagen, wer genau dabei ist, aber bei uns kommen viele Künstler, Schauspieler und Schauspielerinnen oder das ein oder andere Supermodel in den Laden und äußern besondere Wünsche. Wir wollen sie ebenso zufrieden stellen, wie unsere anderen Kunden. Ich habe auch schon mal persönlich eine Brille an einen Künstler geliefert, der Abends in einer der größten Talkshows aufgetreten ist. Aber ob Promi oder nicht – das gehört einfach zum Tagesgeschäft und ich bringe auch unseren anderen Kunden öfter mal ihre Brille vorbei.

Neben der persönlichen Betreuung bietet Ihr die volle Bandbreite an Dienstleistungen?
Auf jeden Fall! Reparaturen, kundenspezifische Farbgebung und Nachbau von Rahmen sind nur einige unserer Leistungen. Wir bieten auch Sachen, mit denen sich andere Läden nicht abgeben wollen, was ebenfalls hilft, Neukunden zu binden. Sie kommen rein und wollen ihre Brille repariert haben und beim nächsten Besuch sind wir ihr fester Optiker. Beziehungen fangen immer klein an!

Wie findest Du neue Marken für den Laden?
Auf meinen Reisen habe ich immer in Optikgeschäften vorbeigeschaut und mich informiert über neue, einzigartige Brillen. Heutzutage kommen die Marken angesichts unseres internationalen Rufs und Kundenstamms auf uns zu. Und immer wieder kommen Touristen vorbei und zeigen ihre Brillen. Dabei biete ich ihnen immer an, die Brille zu reinigen und festzuziehen, wenn mich ein Paar interessiert. So können wir immer frisch und konkurrenzfähig bleiben, anstatt nur dieselben langweiligen Standard-Brillen zu verkaufen, an die sich die Öffentlichkeit gewöhnt hat.

Welche Marken und Designer liegen momentan ganz weit vorn?
Rapp Eyewear aus Toronto hat sich bei uns im Laden gut entwickelt. Dank handgefertigter, einzigartiger Designs, auf die wir sehr stolz sind. Dita aus L.A. hat letztes Jahr Brillen von Thom Browne aufgelegt, die auch super laufen. Insgesamt leistet jede Marke ihren Beitrag zum Laden und ich bin sehr zufrieden mit unserem aktuellen Sortiment.

Was sind für 2013 die wichtigsten Trends in Sachen Designs und Materialien?
Metallfassungen erleben ein Comeback und wirken gleichzeitig sehr markant, sind aber auch sehr klassisch in der Passform! Schwere Plastikgestelle sind immer noch sehr stark, der Trend geht zu doppelten oder dreifachen Schichten, die immer gut laufen. Einige Designer testen auch die Marktreife von alternativen Materialien wie Bambus oder Horn.

Ohne welche drei Modelle oder Marken könntest Du momentan nicht leben?
Oliver Peoples, IC Berlin, Barton Perreira gehören auf jeden Fall dazu. Man braucht seine Basis. Alle drei Marken bieten zeitgemäß klassische, vielseitige Modelle, die eine perfekte Grundlage zum Aufbau einer „Brillen-Garderobe“ bieten.

Danke für das Interview, Anthony und weiterhin viel Spaß im East Village.

Anthony Aiden Opticians
42 St. Marks Place
New York, NY 10003
USA
Tel.: +1 212-533-1577
www.anthonyaidenopticians.com

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