SIX MILLION GLASSES

Die Brüder von der Waterkant

Bereist man die Deutsche Optikerlandschaft, stößt man immer wieder auf einen Namen, der zunächst ein Mal Fragen aufwirft: ‚Six Million Glasses’. So ungewöhnlich wie der Name, so interessant ist auch das Ladenkonzept und die Geschichte der beiden Inhaber Hauke und Marc Oliver Peters. Seit 2006 versorgt das hippe Geschäft mit dem kreativen und dennoch sehr persönlichen Charme die Hamburger Avantgarde mit Brillen angesagter Labels. Man kennt sich hier im Schanzenviertel, wie wir vor Ort feststellen durften. Kunden werden mit Namen begrüßt, und für das Shooting leiht man sich mal eben Jacken vom Fashion-Store nebenan aus. Da Hauke auch als Handelsvertreter unterwegs ist, kennt er den Optiker auch als Kunden und lässt uns an seinen sehr interessanten Kenntnissen über die Branche teilhaben. Unser Interview von der Waterkant.

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Hauke über Marc Oliver
Marc Oliver ist ganz anders als ich / unheimlich bodenständig und geerdet / halt ein Spitzentyp mit einer spitzen Ausstrahlung / ich bin stolz, sein Bruder zu sein.

Marc Oliver über Hauke
Laut / emotional / kreativ / zuverlässig und ein Bombentyp / es macht richtig Spaß, mit ihm zu arbeiten.

Hauke, ist die Schanze in Hamburg immer noch der „Place to be“?
Hauke: Ja klar. Trotz der Gentrifizierung haben sich andere Stadtteile wie z. B. Wilhelmsburg, was die kreative Szene angeht, nicht durchsetzen können. Die Schanze ist immer noch das Zentrum der Kreativen.

Du hast Betriebswirtschaftslehre studiert. Über einige Umwege bist Du in der Optik gelandet. Wie kam es dazu?
H: Ursprünglich wollte ich gerne in der Medienwelt landen und habe daher zwei Semester Kulturwissenschaften studiert. Als ich aber 1991 mit 23 bereits Vater wurde, wollte ich auf Kulturmanagement wechseln und habe mich dann für den Studiengang ‚Management im Handel’ an der FH Bremen entschieden, den ich 1996 als ‚Dipl. Kfm. FH’ beendet habe. Nebenbei arbeitete ich für eine Promotion Agentur als Gebietsleiter für Gaulloise und Lucky Strike.
Wegen meiner Tochter wollte ich nach meinem Studium unbedingt in Bremen bleiben. Also überredete ich meine Schwester, die damals bereits Augenoptik Meisterin war, gemeinsam mit mir in Bremen unseren ersten Laden zu eröffnen: ‚Augenblick Optik’. Da ich am Anfang von einem halben Laden nicht leben konnte, habe ich 1999 – dieses Mal alleine – einen weiteren Laden gegründet: ‚Stil Plus Optic’ – eine kleine, aber feine Mailänder Brillen-Modeboutique direkt am Bremer Marktplatz.

Marc Oliver, Du bist der jüngere Bruder. War es für Dich nur konsequent der Familientradition zu folgen?
Marc-Oliver: Nein. Am Anfang war es gar nicht klar, dem Weg meiner älteren Geschwister zu folgen. Bis zum Abitur habe ich mich nur auf Tennis konzentriert. Aber die Zukunftsaussichten als Profi und der Blick auf die vielen gescheiterten Trainer auf den Tennisanlagen in Deutschland haben mich ein bisschen nachdenken lassen. Nach dem Abitur wollte ich unbedingt eine praktische Ausbildung absolvieren. Da unser Vater selbst fünf Geschäfte hatte, wusste ich bereits viel über das praktische Berufsleben eines Optikers. Schon während meiner Ausbildung zum Meister in Bremerhaven habe ich drei Tage die Woche in dem Laden von Hauke und Bettina gearbeitet und somit schon früh den gewünschten Praxisbezug bekommen.
Mit 23 bin ich dann nach Hamburg gezogen, um Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Allerdings hatten wir nun einen Augenoptikmeister in der Familie ohne eigenen Laden. Das ging natürlich nicht. Hauke wollte eigentlich schon vor Jahren einen Laden in der Schanze aufmachen und ich fand, dass die Gegend ein enormes Potential hatte. Also suchte ich fleißig nach einem geeigneten Laden. Schließlich fanden wir das freistehende Lokal des türkischen Schlachters, nach zwei Stunden Überlegen haben wir zugeschlagen – so ist 2006 „Six Million Glasses“ entstanden.

Was reizt Euch am Beruf des Optikers? Was gefällt Euch besonders gut und was eher nicht?
H: Ich mag es, strategische Geschäftskonzepte zu entwickeln, dann den richtigen Standort zu eruieren, um schließlich den richtigen Laden mit dem dafür passenden, perfekten Design und der richtigen Ware zu eröffnen. Das ist für mich immer wieder eine große Herausforderung – insbesondere gefällt mir, das Design selbst zu entwerfen und mit Agenturen umzusetzen.

M-O: Mich reizt die Vielfalt der unterschiedlichen Aufgaben. Vom Verkauf über das Handwerk bis hin zu Design und Deko ist alles dabei. In kaum einem anderen Beruf gibt es so eine Abwechslung.

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Six Million Glasses gilt als sehr moderner Optiker in der Republik. Ihr betreibt aber nicht nur den Laden in der Schanze. Wo sonst kann man Brillen von Euch kaufen?
H: Brillen von Familie Peters gibt es seit 1996 bei ‚Augenblick Optik’ in Bremen, seit 1999 bei ‚Stil Plus’ Optik in Bremen, seit 2006 bei ‚Six Million Glasses’ und seit 2010 bei ‚Neonbox Optics’ in Hamburg Ottensen. Das muss erstmal genügen.

Unterscheiden die Stores sich inhaltlich oder ist es das gleiche Konzept lediglich an einem anderen Ort?
H: Jeder Store hat sein eigenes Konzept mit jeweils an den Standort und die dort vorhandene Kundschaft angepassten Sortimenten. Dadurch sind die Warenpräsentation und der Markenmix in jedem Laden unterschiedlich.

Euer Geschäft und auch Ihr als Personen gehört ja zu denen, die aus der breiten Masse der Optiker herausstechen. Wart Ihr von Anfang an sicher, dass Ihr mit Eurem Konzept erfolgreich sein werdet oder gab es auch Zweifel?
M-O: Wir hatten in der Tat keine Zweifel daran, dass es funktionieren wird.

Wie beschreibt Ihr die Philosophie von Six Million Glasses?
M-O: Lässig, locker und liebevoll.

Diesen Eindruck gewinnt man auch, wenn man sich die Mitarbeiter in Eurem Laden anschaut. Ist das System?
M-O: Das System ist, dass jeder hier so sein kann wie er will – Mitarbeiter wie auch Kunden. Gelegentlich kommen auch schon mal Künstler mit Harlekin Schuhen mit kleinen Glöckchen daran bei uns in den Laden. Gleichberechtigung aller Hautfarben, Geschlechter und Altersklassen zeichnet die Schanze in Hamburg aus und genau das ist auch unsere Aussage.

Bei so viel Gleichberechtigung, wie teilt Ihr denn da die Arbeit im Laden unter Euch auf?
H: Die Mitarbeiter arbeiten, wir chillen und grillen … wahlweise im Pool oder am Strand. Deswegen Hamburg.

Wer’s glaubt … apropos Strand: Wie groß ist der Anteil an Sonnenbrillen in Eurem Sortiment?
H: Der liegt bei 50%.

Wie seht ihr generell die Zukunft für optische Brillen? Wandern nicht vermehrt Kunden ab zur Kontaktlinse und Laseroperation?
M-O: Das stimmt, aber das befreit sie nicht davon, sich irgendwann doch wieder eine Brille kaufen zu müssen. Die Lasik Operation, wie auch die Kontaktlinsen, sind eher ergänzend zum Brillenmarkt zu sehen. Zusätzlich hat sich die Brille ja auch vom Kassengestell zum Fashionstatement entwickelt. Und genau deswegen kommen die Leute zu uns.

Wie lässt sich diese Kundschaft denn beschreiben?
M-O: Unser Publikum ist bunt gemischt und reicht vom Student über den Manager bis zum Ex-Senator. Hauptsächlich kommen aber Künstler und Leute aus der Medien- und Werbebranche. Alle aber haben eine eher liberale Einstellung – smarte Leute halt.

Als smarte Kunden haben sie bestimmt eine klare Vorstellung darüber, was sie kaufen wollen oder fällt die Entscheidung eher durch Eure persönliche Beratung?
M-O: Sie fällt eher durch unsere persönliche Beratung. Selbst Stylisten, die für Shootings bei uns Ware ausleihen (so ca. zehn pro Woche), lassen sich von uns beraten.

Wie wichtig ist für Euch ein intensiver Kontakt zu Euren Kunden? Was unternehmt Ihr dafür?
H: Mit Ihnen mal einen Trinken gehen. Nee, wir planen gerade unseren ersten Modeblog, haben bis dato aber nur eine veraltete Website und so ca. 900 Facebook Fans.

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Ihr habt bestimmt auch persönliche Lieblingsmarken. Empfehlt Ihr diese Euren Kunden besonders gerne?
M-O: Ja klar: REIZ, GARRETT LEIGHT, DITA – halt alles, was independent ist, minimal im Design und maximal in der Verarbeitung. Wir suchen Labels, die unter fairen Bedingungen produzieren, mit kurzen Lieferwegen, gerne auch aus Deutschland. REIZ z. B. ist für mich mit Abstand die nachhaltigste Firma im Markt.

Hauke, Du arbeitest ja auch als Handelsvertreter. Welches Label betreust Du und in welchem Gebiet?
H: 2009 haben mich die Jungs von REIZ gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für sie den Norden zu übernehmen, wozu ich nach langem Abwägen schließlich auch ‚Ja’ gesagt habe. Das ging aber nur, weil meine Schwester bereit war, unseren gemeinsamen Laden alleine weiterzuführen. Vertrieb plus mehrere Läden wäre einfach zu viel gewesen. REIZ bediente zu der Zeit jedoch noch sehr wenige Läden im Norden, sodass ein zweites Label her musste. Da wir damals auch sehr stark PAUL FRANK verkauft haben, aber keine Vertreterbetreuung vorhanden gewesen ist, habe ich mich mit 41 Jahren bei Baumvision beworben und nach hartnäckigem Nachhaken den Job dann per SMS bekommen.

Haben Deine Erfahrungen, die Du als Handelsvertreter sammeln konntest, Einfluss auf Deine Arbeit als Optiker? Und umgekehrt?
H: Absolut. Die Handelsvertretung hat mich eher demütig gemacht. Als selbstständiger Optiker, der im Ansatz Erfolg hat, denkt man schnell, man ist ein geiler Macker, man macht alles richtig und die anderen sind doof und spießig. Das ist absolut unwahr: Viele Kollegen machen vieles verdammt richtig.

Wo geht der Trend beim Optiker hin?
H: Klar gibt es immer noch den klassischen, auf Werkstatt und Technologie fokussierten Kitteloptiker, aber die sogenannten Konzeptoptiker setzen sich mehr und mehr durch. Zusätzlich spricht REIZ natürlich auch ein ganz besonderes Kundenklientel an, da es erklärt und beratend verkauft werden muss.

Gibt es zwischen Deinen beiden Berufen keine Interessenskonflikte?

H: Zunächst hatte ich das auch gedacht, aber das Gegenteil ist der Fall. Da ich selber auch im Laden stehe und kein überzogenes Interesse an zu hohen Lagerbeständen habe, klappt das mit meinen Kunden aufs Allerbeste. Meine Optiker sind durch die Bank weg fair und schätzen die Arbeit des jeweils anderen. In der ganzen Zeit hatte ich ein einziges Erlebnis, bei dem ich spürte, die Inhaberin fühlt sich als was Besseres. Das war in Berlin.

Als Handelsvertreter kennst Du ja auch die Bedürfnisse einer Marke. Was wünschen sich Marken von Optikern?
H: Dass die Optiker sich klarer für das Portfolio einer Marke entscheiden und dieses dann auch gut bearbeiten. Das heißt, nur eine gute Boardpflege führt auch zu einem befriedigenden Umsatz.

Bei der Vielzahl der Marken nicht einfach. Es gibt ja unzählbar viele. Wie schafft es eine Marke in Euer Portfolio?
M-O: Wichtig sind: ein guter Marktauftritt, nicht zu aufdringliche Mitarbeiter, eine gute Verarbeitung und ein gutes Preis/Leistungsverhältnis für uns und unsere Kunden.

Seid Ihr bei der Aufnahme neuer Labels denn experimentierfreudig?
M-O: Früher waren wir bei der Aufnahme neuer Labels immer mit unter den ersten drei Optikern in Deutschland, so z. B. bei Booth & Bruce oder Goldsmith. Heute lassen wir uns gerne ein bis zwei Jahre Zeit.

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Was vernachlässigen zu viele Marken aus Eurer Sicht?
H: Kundenbetreuung im positiven Sinn kommt oft zu kurz. Ich rede nicht von nervigen Vertreterbesuchen – als Optiker freue ich mich, wenn einfach auch mal nachgefragt wird à la „Läuft alles? Kann ich was für Dich tun? Hast Du Sorgen mit unserer Marke?“

Und was beeindruckt Euch besonders?
H: Wenn Kollegen, mit denen ich als Optiker und Sie mit mir als Handelsvertreter jahrelang zusammen arbeiten, immer ihr Wort halten, immer gerade bleiben und auch den ganzen Quatsch ertragen, den ich manchmal so daher sabbel.

Vielleicht hören sie ja einfach nicht hin … In der Modebranche sieht man Marken kommen und gehen. Wie kann es ein Brillenlabel schaffen, auf der einen Seite modisch zu sein und auf der anderen Seite dauerhaft am Markt zu bestehen?

H: Mit wirklich gelebter, nachhaltiger Kundenbindung.

Welche Labels schaffen das aus Eurer Sicht besonders gut?

H: Wenige, da die Macher und Designer sich grundsätzlich vom Kunden distanzieren und alles auf den Vertrieb abwälzen, anstatt sich mal in einen Laden zu setzen und zu beobachten, wie denn Ihre Produkte direkt an den Endkunden verkauft werden.

Gibt es bei den Endkunden denn eine Markentreue? Also kommen Kunden in den Laden, weil sie unbedingt eine Brille eines bestimmten Labels kaufen wollen oder entscheiden doch eher die individuelle Passform, der Style und der Preis?
M-O: Die gibt es absolut. Hat ein Kunde eine sehr gute Erfahrung mit einem Label gemacht, kauft er gern noch eine zweite oder dritte Brille dieser Marke. Dann ist aber meist vorbei mit der Treue, da modisch orientierte Kunden eben auch mal ein anderes Design haben möchten.

Welche Newcomer Labels habt Ihr gerade auf dem Radar?
H: Pssttt … das wird nicht verraten. Du kannst es in drei Monaten bei uns im Schaufenster sehen.

Dank an Euch.

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