Shane Baum X Mark Mothersbaugh

The De-Volution of Eyewear?Far from it!

Manchmal passt ein Gemeinschaftsprojekt – Neudeutsch „Collabo“ – einfach wie die Faust aufs Auge. Die gemeinsame Brillenkollektion von Shane Baum und Mark Mothersbaugh bringt zwei Schwergewichte und Visionäre ihrer jeweiligen Zunft zusammen: Mothersbaugh zählt als Sänger, Komponist und Frontman der New-Wave-Band DEVO zu den Wegbereitern der Musikszene und produziert jetzt mit seiner Eigenmarke MOTHERSBAUGH unter anderem auch Brillen. Baum designt als kreativer Kopf von Baumvision für einige der angesagtesten Marken der Optikbranche, inklusive seinem eigenen Label Leisure Society. Wie sich die beiden Kreativen letztendlich gefunden haben, zeigt EYEWEAR im Blick hinter die Kulisse

Eine wichtige Lebensweisheit besagt: „Never meet your Idols“ – triff niemals deine Idole. Letztendlich ist das wahre Leben doch nur enttäuschender als die schillernde Aura von Helden aus der Jugendzeit. Das gilt vor allem in der Musikbranche. Was aber, wenn der Musikgott der wilden Teenagerjahre plötzlich anklopft und eine gemeinsame Brillenkollektion entwerfen will? Genau das passierte kürzlich Shane Baum, seines Zeichens kein unbeschriebenes Blatt in der Eyewear-Branche und bekannt als stilsicherer Designer, der seit 2010 mit seinem Premium-Label Leisure Society Akzente setzt.

Im Sommer 2014 erhielt Shane Baum eine Anfrage von keinem geringeren als Mark Mothersbaugh, bekannt als Allround-Musikgenie und Frontman der progressiven New Wave Band DEVO. Der Musiker startete gerade ein Label unter seinem Eigennamen – MOTHERSBAUGH – und wollte zum Auftakt eine exklusive Brillenkollektion, gemäß seiner eigenen künstlerischen Vision, auf den Markt bringen. Hatte Shane vielleicht Zeit und Interesse?

Baum musste nicht zweimal überlegen. „Ich bin schon seit ich zwölf Jahre alt war ein Fan von Marks musikalischer Karriere und war früher sogar Mitglied im DEVO Fan-Club“, sagt Shane Baum. Und wie sich herausstellte, hatte der Musiker im Gegenzug bereits in jungen Jahren Interesse fürs Optikhandwerk entwickelt – quasi aus der Not heraus. Mothersbaugh wurde mit extremer Kurzsichtigkeit und Hornhautkrümmung geboren. Die ersten sieben Jahre seines Lebens stieß er oft mit Wänden und Gegenständen zusammen, bis eine Augenuntersuchung beim Optiker ihn als sehbehindert einstufte. „Ich bekam meine erste Brille zum achten Geburtstag und sah auf einmal Vögel fliegen, die Wipfel von Bäumen, sogar zum ersten Mal in meinem Leben Wolken am Himmel“, sagt Mothersbaugh.

„Es war unglaublich! Ich hatte noch nie Rauch aus einem Schornstein kommen sehen und fing sofort an, alles zu malen, was ich sah“, erzählt Mark Mothersbaugh. Dank der Brille fasste Mothersbaugh direkt den Entschluss, Künstler zu werden – seine Malerei wurde inzwischen in vielen Museen ausgestellt, darunter das Museum of Contemporary Art in Denver – und brachte im Laufe der Jahre auch zahlreiche Designs für Brillen in Sonderanfertigung zu Papier. Jahrelang fertigte l.a. Eyeworks in Los Angeles die Brillen nach Marks speziellen Wünschen und Vorstellungen.

„Diese Art der gegenseitigen Annäherung lieferte die perfekte Grundlage für eine kreative Zusammenarbeit“, sagt Shane Baum. „Mark ist ohne Brille im rechtlichen Sinne blind und besitzt ein intuitives Gespür für Kreativität. Er ist von Haus aus großer Fan des Brillenhandwerks und war hoch motiviert, seine eigenen Brillen herzustellen. Und für mich ist das ja mein tägliches Brot“, lacht Shane Baum, der im Optical Shop of Aspen mit Bill Barton als Mentor sein Rüstzeug erlernt hat.

Auf die Frage, was er an Mothersbaugh besonders schätzt, sagt Shane: „Ich bewundere Marks Arbeitsmoral und seinen durchgehenden Anspruch, immer über den Tellerrand hinaus zu denken. Er hat keinerlei Interesse an irgendwelchen Vermarktungsstrategien und ist Künstler, rein um der Kunst willen. Sein Gesamtwerk ist vollkommen originell und ohne Gleichen.“ Neben DEVO hat der umtriebige Künstler auch drei Solo-Alben produziert sowie erfolgreiche Soundtracks für legendäre Kinofilme geschaffen, darunter zahlreiche Arbeiten mit Kult-Regisseur Wes Anderson (Musik zu „Rushmore“, „The Royal Tenenbaums“, „The Life Aquatic“) sowie den 2014 erschienenen „The LEGO Movie“.

Die exklusive Mothersbaugh X Baum Eyewear Kollektion besteht aus drei Modellen – jeweils als Sonnenbrille und Korrekturbrille erhältlich – und feierte im November 2014 in Los Angeles Premiere. Bis dahin war der Weg nicht leicht. Kein Wunder auch, wenn so viel Persönlichkeit aufeinander trifft. Im Folgenden eine kreative Rekonstruktion aus dem Club der Visionäre.   

I. Was ist noch mal DEVO?

Ohne einen kurzen Abstecher zum kulturellen Stellenwert und bahnbrechenden Einfluss der Band, besser gesagt des Phänomens DEVO, macht jegliche weitere Diskussion keinen Sinn. Wer DEVO bereits kennt, kann dieses Segment gern überspringen, aber so viel muss gesagt sein: Ohne DEVO wäre die musikalische Kettenreaktion von New Wave, Art Rock, bis hin zum Punk Rock in den USA ganz anders verlaufen. DEVO wurde 1972 von den Kunststudenten Mark Mothersbaugh zusammen mit Jerry Casale (Bass) und Bob Lewis (Gitarre) an der Kent State University in Ohio gegründet. Der Name der Band ist eine Abkürzung für die damals vor allem in Avantgardekreisen kursierende Theorie der „De-Evolution“ der Menschheit, deren Beweis die drei Bandgründer unter anderem in der Ermordung unbewaffneter Anti-Kriegs-Demonstranten durch die Nationalgarde im Jahr 1970 an ihrer Universität sahen.

Die Konzerte der „De-Evolution Band“ mischten subversive Texte und futuristische Kostüme wie gelbe Overalls mit pyramidenförmigen Plastikhauben zu einem avantgardistischen Gesamtkunstwerk; einer brisanten, skeptischen Zukunftsvision für Geeks und Nerds und frustrierte Jugendliche aller Bevölkerungsschichten. Vor allem Anhänger der politischen „Counter Culture“ sowie junge Skateboarder und Surfer begeisterten sich für DEVO, wobei der Sound von New Wave bis Punk und später Synthpop wechselte. Im 1980 erschienenen DEVO-Musikvideo zum Song „Freedom of Choice“ treten Skateboard-Ikonen wie Stacy Peralta und Tony Alva auf, während der Text auf zynische Weise die Konsumgeilheit der Reagan-Ära anprangert. 

Dieses unverwechselbare Gesamtbild der Band hinterließ auch einen bleibenden Eindruck bei Shane Baum. „Es war einfach nur unglaublich. DEVO ist so viel mehr als bloß eine Band, vielmehr eine eigene Marke,“ sagt Baum. „Die Art, wie sie sich kleideten, die Designs ihrer Plattencover, die Inhalte ihrer Songtexte. Es ist alles sehr clever und irgendwie zynisch, mit einer gesunden Prise Humor. Daher ist es für mich ein besonderes Ereignis in meinem Leben, mit jemandem zusammenzuarbeiten, für den ich so viel Respekt habe. Dieses Projekt wird mir immer sehr viel bedeuten.“

II. Die Wege kreuzen sich

Zufall oder Schicksal? Die Grundlage für die bedeutungsträchtige Zusammenarbeit zwischen Baum und Mothersbaugh lieferte jedenfalls der kulturelle Nährboden von Los Angeles, wo die Stränge von Kunst, Musik und Unterhaltungsindustrie oft sehr nah beieinander verlaufen. „Wir trafen uns durch einen gemeinsamen Freund, der eine TV-Kindersendung namens ‚Yo Gabba Gabba’ produzierte”, sagt Shane Baum. In der Sendung tritt Mothersbaugh übrigens als Künstler auf, der Kindern im Studio Zeichenunterricht gibt – sehr nah am richtigen Leben, also.

Sofort beim ersten Zusammentreffen flogen die kreativen Funken. „Unser erstes Meeting war rasant und ausschweifend und voller Ideen und Konzepte“, erinnert sich Shane Baum. Als Teil der DEVO-Bühnenshow hatte Mothersbaugh bereits zusammen mit Bandkollege Jerry Casale zahlreiche skurrile Brillen im Avantgarde-Stil entworfen. Jetzt wollte er seine eigene Marke auf die Beine stellen, um kreative Visionen zu verwirklichen und Produkte nach eigener Vorstellung zu schaffen – allen voran Brillen. Und wie von Mothersbaugh als kreativen Tausendsassa zu erwarten war, gingen die Vorstellungen bereits im frühen Stadium weit über die reine Produktebene hinaus.

Shane Baum erinnert sich schmunzelnd an den kreativen Prozess: „Mark wollte zu jeder Brille einen eigenen Song komponieren. Das klang anfangs nach einer tollen Idee, bis wir im Gespräch darauf kamen, dass er dadurch vielleicht ewige Zeit im Studio verbringen müsste, falls die Kollektion Erfolg hätte. Aber letztendlich schafften wir es doch, zu den ersten 30 Brillen, die wir beim Launch bei [der Boutique] Fred Segal verkauften, auch einen einmaligen Soundtrack von Mark zu jedem Modell beizulegen.“

Mitunter mussten die kreativen Höhenflüge jedoch an die Grenzen des Machbaren angepasst werden. „Unsere Treffen waren hoch intensive Brainstorm-Sessions, bei denen jede Menge Ideen auf den Tisch kamen. Etwa Sachen wie ein Song zu jeder Brille, zwei Gläser in unterschiedlichen Farben, oder Rahmen aus alten Vinyl-Schallplatten“, erinnert sich Shane und fügt hinzu: „Letztendlich mussten wir einen Fokus finden. Eine einheitliche Vision. Und Eigenschaften designen, mit denen die Brillen auf den ersten Blick von weitem erkennbar sein würden.“

III. Spezielle Designs von speziellen Designern

Nur ein Blick auf die im November 2014 gelaunchte Kollektion macht deutlich, dass den beiden speziellen Designern ein alleinstehender Look gelungen ist. „Wir haben die Ideen so lange gesiebt, bis wir wussten, wie wir das erreichen konnten. Nämlich durch die metallischen Eigenschaften von Beryllium und Silber verspiegelte Gläser in klassisch inspirierten Formen.“ Was die Formen angeht, waren Vielseitigkeit und Tragbarkeit die Hauptschwerpunkte, sagt Baum: „Wir glauben, dass die drei Formen so ziemlich zu jedem Gesicht passen. Alle Rahmen werden ursprünglich aus Beryllium geschnitten und in Italien von Hand veredelt.“

Mit seinem charakteristischen Schimmer ist Beryllium, das Grundmaterial der Brillen und Sonnenbrillen, bislang nur selten im Optikbereich zu finden. Beryllium gilt aber als leichtestes Material aus der Gruppe der alkalischen Erdmetalle. Das fortschrittliche Material ist sechsmal robuster als Stahl und noch dazu resistent gegen Verfärbungen und Zerfall. Den futuristischen Gesamteindruck unterstützen verspiegelte CR39-Gläser mit 100% UVA- und UVB-Schutz, die weiterhin resistent gegen Chemikalien und extrem langlebig sind – denn wer DEVO hört weiß, dass die Zukunft oft nichts Gutes verheißt.

Erhältlich ist die Kollektion über Baums Vertrieb, Baumvision, mit Niederlassungen in Kalifornien und Österreich sowie Geschäften wie Fred Segal in Los Angeles, Eye Society in Costa Mesa und führenden internationalen Optikern, die ein Gespür für Sachen mit dem „gewissen Etwas“ haben. Denn genau das verbindet Baum und Mothersbaugh: „Ich glaube man muss einfach nur eine Leidenschaft für unterschiedliche Subkulturen und die damit verbundenen Designkonventionen haben. Ich war schon immer eine Art kulturelles Chamäleon. In jungen Jahren stand ich voll auf Skateboarding und Punk Rock und damals war es für mich auch sehr wichtig, genau die richtige Lederjacke anzuhaben und die Autorität in Frage zu stellen“, sagt Shane Baum.

Insgesamt hinterlassen derartige Erlebnisse einen prägenden Eindruck und vielleicht die Grundlage für künftige Gemeinschaftsprojekte, sagt Shane Baum: „All diese Erfahrungen sind wie die Ringe in einem Baumstamm. Sie sind Teil davon, wer man ist und dienen als Grundlage für neue Ideen, Einflüsse und Inspirationen. Miteinander kombiniert helfen sie, eine Perspektive zu eröffnen, die ganz einzigartig ist – nicht nur für mich, sondern für jeden, der das Leben auf der Suche nach einzigartigen Erfahrungen lebt. Denn wie wir alle wissen, möchte niemand gern mit einer dünnen Biographie sterben.“

[Boxout:]

Die Brillen der Mothersbaugh X Baum Eyewear Kollektion

Shane Baum beschreibt die Kollektion als „unabhängig und zukunftsweisend“, ganz klar erkennbar in der futuristisch anmutenden Oberflächenstruktur der ultraleichten Rahmen mit ihrem metallischem Glanz. Den „Retro-Future“ Gesamteindruck abrundend werden die Brillen jeweils in einem verspiegeltem Metalletui inklusive Mikrofasertuch mit Illustrationen von Mark Mothersbaugh geliefert. Hier die drei Modelle:

Shane_Baum_Akrontie

Akronite – Dieses Modell wurde von Mothersbaugh als seine persönliche Brille entworfen und bietet rechteckig gehaltene Gläser in einer Form, die leicht an klassische Wayfarer-Rahmen erinnert. Der Name ist eine Anspielung auf Marks Geburtsort Akron in Ohio.

»Mutato«

Mutato – Ihren Namen verdankt dieses Modell mit dünnerem Rahmen einem Kunstwort: „Mutant“ und „Potato“ (Kartoffel) ergeben zusammen „Mutato“. Hintergrund ist die Fantasiesprache der Texte von DEVO, in deren sozialer Hackordnung die einfachen Menschen als bloße „Potatos“ dahinvegetierten. Als mutierte Version sind die Menschen jedoch positiver und tragen auch mal eine gebildet aussehende Brille wie diese.

»Francesca«

»Francesca«

Francesca – Dieses Unisex-Modell im rechteckigen Stil macht seinem Namen alle Ehre. Namensgeber war der gleichnamige Hund der Familie Mothersbaugh, seines Zeichens ein seltenes Exemplar: Denn wie das Zeugnis des Tierarztes bestätigt ist Francesca, Rufname „Frank“, offiziell ein Zwitter. Dementsprechend eignet sich die großzügig gestaltete Brille für Männchen ebenso wie für Weibchen.

Interview: Dirk Vogel

Photos: Stefan Dongus / Stills: Raphael Schmitz

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