From Munich with Love

,Shades of Love‘ oder wie Sonnenbrillen aus Deutschland Menschen in Indien glücklich machen

In der Münchner Szene ist Jürgen Altmann ein Begriff, betreibt er doch seit 14 Jahren seine Aroma Kaffeebar in einem der angesagten Stadtteile der Hauptstadt Bayerns, dem Glockenbachviertel. Der 47-Jährige hat auch noch nach 14 Jahren Szenegastronomie einen Traum, der nichts mit Kaffeebohnen zu tun hat, sondern mit zwei an die Wand genagelten Obstkisten seines Cafés. Darin sammelt Jürgen ausgediente Sonnenbrillen seiner Stammgäste und zwar für sein Projekt „Shades of Love“. Damit will er Menschen in einer abgelegenen Hochgebirgsregion in Indien helfen. Denn deren Augen leiden enorm unter der starken Sonneneinstrahlung und Sonnenbrillen sind dort faktisch nicht vorhanden.

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Hallo Jürgen, wie kommt ein Cafébesitzer aus München dazu, Sonnenbrillen für die Bewohner einer 6.000 Kilometer entfernten Region in Nordindien zu sammeln?
Das hat alles 2004 mit einem Zufall begonnen, als ich mir eine Auszeit von meinem Cafébetrieb nahm, um drei Monate bei einer Hilfsorganisation zu arbeiten. Eigentlich hatte ich geplant, in einem tibetanischen Flüchtlingslager zu helfen, doch dann habe ich von einer Organisation in Ladakh gehört, die dringend Helfer suchte. Also habe ich mich dahin aufgemacht, obwohl ich vorher noch nie von dieser Region gehört hatte.

Ladakh ist ja auch kein Name, den man hier in Deutschland häufig hört. Was hat Dich dort erwartet?
Zuerst musste ich mich eine ganze Woche durch Indien schlagen, so lange habe ich vom Flughafen in Delhi bis zu meinem Ziel gebraucht. Das liegt aber nicht daran, dass Ladakh ganz im Norden Indiens an der Grenze zu Tibet liegt, sondern an der Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen, die selten über Schritttempo liegt. Die Region ist eine schroffe und kahle Felswüste in den Ausläufern des Himalayas. Da kann man sich glücklich schätzen, wenn man eine geteerte Straße findet.

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Warum sammelst Du ausgerechnet Sonnenbrillen für die Menschen dort und keine anderen Hilfsmittel?
Während meiner Tätigkeit für die Hilfsorganisation habe ich mobile Krankenhausstationen in abgelegene Täler begleitet und dabei gesehen, was die Sonneneinstrahlung mit den Augen der Menschen anrichtet. Die Einheimischen leben dort ja praktisch im Hochgebirge zwischen 3.000 und 5.000 Metern Höhe.

Wie wirkt sich die intensive Sonneneinstrahlung denn aus?
Was sofort auffällt, ist, dass dort praktisch Jeder ständig rote, entzündete Augen hat. Die Folgen sind oft Augenkrankheiten wie Grüner oder Grauer Star, und im schlimmsten Fall erblinden die Menschen. Sonnenbrillen sind da eine gute Vorsorge.

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Wenn der Grund der Augenprobleme die starke Sonneneinstrahlung im Hochgebirge ist, dann leiden die Menschen doch auch in anderen Regionen des Himalaya darunter, oder?
Stimmt, aber irgendwo muss man ja anfangen und wenn sich „Shades of Love“ so entwickelt, wie ich es mir erträume, dann will ich irgendwann auch für die Menschen in Nepal oder Tibet Brillen sammeln.

Kommt es vor, dass Du die Einheimischen erst vom Nutzen einer Sonnenbrille überzeugen musst? Die leben dort doch so schon seit hunderten Jahren ohne Sonnenbrillen…
Absolut. Manchmal treffe ich Menschen, die gar nicht wissen, was eine Brille ist. Dann heißt es Schaubilder zeichnen oder mit Händen und Füßen erklären, was Sonnenstrahlen anrichten können. Denn mit Englisch kommt man natürlich auch nicht sehr weit. Manche setzen die neue Brille dann gar nicht mehr ab, andere sind dagegen skeptisch und stecken sie lieber erst einmal in die Tasche. Eine Sonnenbrille ist dort keinesfalls etwas Alltägliches. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen auch noch ganz andere Sorgen haben. Da geht es oft zuerst ums Überleben und dann erst um die Gesundheit.

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Wie viele Sonnenbrillen haben durch Dich inzwischen den Weg nach Ladakh gefunden?
Etwa 700 und jede davon habe ich eigenhändig übergeben.

Du hast die Brillen ganz alleine verteilt?
Genau, „Shades of Love“ bestand bislang nur aus mir allein. Ich habe die Sonnenbrillen gesammelt, bin nach Indien geflogen, habe mir ein Motorrad besorgt und solange verteilt, bis ich keine Brillen mehr hatte. 2009 war ich einen Monat mit 300 Stück unterwegs, 2011 waren es 400, die ich nach fünf Wochen verteilt hatte. Die meisten Menschen dort freuen sich total, wenn ich anhalte und eine Brille aus dem Sack ziehe. Oft bedanken sich die Menschen mit einer Tasse Tee oder selbstgemachtem Yoghurt. Einmal hat eine Frau sogar einen Tanz für mich aufgeführt. Ein anderes Mal wurde ich komplett missverstanden. Da sah ich zwei Frauen bei der Arbeit auf einem Feld und hielt an. Aber kaum bin ich auf die beiden zugegangen, rannten sie in Panik weg. Angst hatten die aber offenbar mehr vor mir als vor den Sonnenbrillen.

Wie reagiert der Zoll, wenn Du mit 300 Sonnenbrillen einreist?
Das war gar kein Problem, die passten locker ins Handgepäck und sind nicht weiter aufgefallen.

Willst Du „Shades of Love“ weiter als One-Man-Show managen?
Nein, auf keinen Fall. Das Projekt ist inzwischen auch so bekannt geworden, dass ich im vergangenen halben Jahr knapp 2.000 Sonnenbrillen sammeln konnte. So eine große Menge kann ich allein gar nicht mehr stemmen. Meine Idealvorstellung wäre, dass ich neben Privatpersonen auch von Brillenherstellern mit Lagerware unterstützt werde, ich zwei Lieferung pro Jahr mit circa 10.000 Brillen nach Indien schicke und dort verteilen lasse.

Wie weit ist die aktuelle Situation von diesem Plan entfernt?
In Indien habe ich mit dem Tibetan Healthcare Center schon einen Partner gefunden, der die Verteilung vor Ort übernehmen wird. Außerdem habe ich mit verschiedenen Brillenherstellern über eine Unterstützung gesprochen und fast ausschließlich positive Antworten bekommen. Mir wurde sogar schon ein ganzer Container mit tausenden von Sonnenbrillen angeboten, die nicht mehr aktuell waren. Da das Transportproblem nach Indien aber noch nicht gelöst ist, musste ich leider ablehnen. Diese Brillen dürften wohl vernichtet worden sein. Und dann ist da noch das Reinigungsproblem.

Was meinst Du damit?
Tatsächlich sollten alle gesammelten Brillen von Schmutz und möglichen Bakterien gereinigt werden. Das erfolgt in sogenannten Ultraschallbädern, sonst exportiert man am Ende noch Krankheitserreger nach Indien. Davon erfahren habe ich auch erst im Januar auf der Optikermesse in München, jetzt suche ich einen Sponsor, der mich bei der Brillenreinigung unterstützt. An so etwas hatte ich natürlich nicht gedacht, als ich mit „Shades of Love“ begonnen hatte.

Jürgen, viel Erfolg mit „Shades of Love“. Unserer Liebe darfst Du Dir gewiss sein.

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