Strictly CAZAL

Strictly CAZAL

Sein Beruf ist Grafik-Designer und seine Leidenschaft gehört den Sonnenbrillen. Aber nicht irgendwelche. Nein, nur Cazals dürfen es sein. Doch selbst hier ist Alexander Dosiehn wählerisch, denn seine Vorliebe gilt ausschließlich den Vintage-Modellen. So kommt es, dass er ständig das Internet nach bereits vergriffenen Modellen durchforscht und selbst einige seiner Sammlerstücke verkauft. Nach 15 Jahren, die er nun schon Cazal-Anhänger ist, zählt heute eine beachtliche Zahl an Brillen zu seinem Besitz, die vor allem durch ihr stark vom Mainstream abweichendes Design und ihre Extravaganz auffallen. Dass wir auf Alex trafen, ist kein Zufall. Der Grafik-Designer hat sein Büro auf der gleichen Etage wie das Eyewear Magazine.

Hallo Alex, schaut man sich in deinem Büro um, bekommt man das Gefühl, eine Zeitreise zu unternehmen. Hinter dir sehe ich eine Leinwand mit einem Graffiti, das verdächtig nach 80er Jahre Hip-Hop aussieht. Damals waren Cazal-Brillen in der Szene ziemlich angesagt. Besteht da vielleicht eine Verbindung zu deiner Sammelleidenschaft?

Genau. Die Leinwand hat ein Freund von mir gemalt und das Motto “Back To The Old School” ist für mich schon immer einen Art Lebensphilosophie gewesen. Mich beeindrucken die schweren dunklen Acetatmodelle aus den späten 70ern, die meist mit einfachen Demolinsen getragen wurden. Solche Linsen bestanden aus Fensterglas und waren mit einem großem Cazal-Schriftzug gebrandet. Und in den 80ern war ich großer Fan von Run-DMC, deren Rapper Darryl McDaniels (DMC) zum Beispiel das Modell 607 in schwarz zur Legende gemacht hat. Cazal-Brillen haben den typischen New Yorker Hip-Hop-Look geprägt und mich in dieser Zeit sehr beeinflusst. Damals wurde man in bestimmten New Yorker Stadtteilen ausgeraubt oder sogar umgebracht, nur um an eine Cazal zu kommen.

Bist Du also früher im Adidas Trainingsanzug, dicker Goldkette um den Hals und Superstars an den Füßen über die Straße gelaufen?

So ungefähr – das volle Programm. Wenn einen als Jugendlicher in den frühen 80ern das Hip-Hop-Virus packt und man sieht, wie die Rap-Helden in voller Montur mit Riesenbrille die Plattencovern zieren, bekommt man nicht nur das Gefühl für die Musik, man übernimmt auch Kleidung und Accessoires. 1988 hat Hip-Hop mich richtig infiziert, insbesondere Graffiti. Ab da waren College- und Teamjacken diverser NBA-, NFL- und NBL-Vereine sowie Kangol-Hut, Goldketten und Goldringe angesagt. Das Ganze wurde dann mit einer Pseudonym-Gürtelschnalle und dicken weißen Sneakers mit Fat Laces gekrönt. Cazal-Brillen kamen bei mir allerdings erst später dazu.

Pseudonym-Gürtelschnalle? Wie nanntest Du Dich denn damals?

Dukie. Natürlich habe ich meine Gürtelschnalle, den dazu gehörigen Dukie-Ring und die Dukie-Jacke noch.

„Dukie“ … das ist gut. Und warum Hip-Hop? Was hat Dich an dieser Musik so gereizt?

Als Hip-Hop nach Deutschland kam, ging es mir wie vielen anderen: Mit Filmen wie „Wild Style” und „Beat Street” kamen Rap-Musik, Breakdance, DJing und Graffiti ins Kinderzimmer und sind geblieben. Du hörst die Platten vom älteren Bruder eines Freundes, versuchst Dich an Electric Boogie Tanzschritten und kannst jede DJ-Einlage aus den aktuellen Rapsongs auf dem Tisch mitscratchen. Das Fieber und die Neugier auf das, was in New York begann, war so groß, dass es mich bis heute privat und auch beruflich geprägt hat. Rap, Street-Art und Bekennersymbole wie die Sonnenbrille begleiten mich bis heute und werden es auch morgen und übermorgen noch tun! Mittlerweile sind auch Cazzies aus meinem Lebensumfeld nicht mehr wegzudenken. Wie konnte ich nur so lange ohne sie leben?

Wie kam es zum ersten Mal? Erinnerst du dich denn noch an deine Cazal-Premiere?

Klar! Die erste war ein typisches Hip-Hop Modell. Eine 955 mit Seitenscheiben, die ich bei Ebay gekauft habe. Mittlerweile habe ich sie verschenkt. Aber die erste Cazal meiner aktuellen Sammlung war das Schwestermodell 951, die ich immer noch trage.

Dukie hat eine Cazal verschenkt? Was war das? Jugendliche Verliebtheit oder menschliche Schwäche?

Wird nicht verraten, aber sagen wir mal so: Sie ist in wertschätzenden Händen.

Was macht Cazal-Brillen so besonders für dich?

Erstens gibt es da einen ganz pragmatischen Grund: Sie sind groß und passen auf meinen Kopf. Bis auf ein paar Ausnahmen sammle ich auch nur die Modelle, die ich selbst tragen kann. Manche Modelle in meiner Sammlung sind für Damen. Die kann ich zwar nicht tragen, musste sie aber dennoch haben.  Zweitens verbinde ich mit diesen Brillen natürlich eine Menge Erinnerungen aus meiner Jugend. Beim bloßen Anblick bekomme ich manchmal Flashbacks und denke an die gute alte Zeit. Und drittens faszinieren mich Designvielfalt, Detailverliebtheit, Präzision sowie die Qualität und Verarbeitung der Materialien. Das ist es, was diese Brillen für mich zu Meisterwerken macht. Cazal war seiner Zeit immer weit voraus. Das geht nur, wenn ein genialer Kopf hinter dem Produkt steht und seine Marke mit viel Leidenschaft hegt und pflegt.

Hast du den Cazal-Erfinder Cari Zalloni schon mal getroffen?

Nein, noch nicht. Vielleicht gibt es ja noch eine Annäherung.

Du bist Designer von Beruf. Inspirieren dich die Cazals mit ihrem besonderen Aussehen bei deiner Arbeit?

Nicht direkt. Manche Formen oder eine irre Farbkombination brennt sich zwar unbewusst ein, aber Vintage-Cazals sind eigentlich zu speziell, als dass sie meine Arbeit direkt beeinflussen würden. Als Grafik-Designer bin ich meist im Rahmen fremder Vorgaben kreativ. Uns inspiriert, was wir sehen.

Wie würde denn eine Sonnenbrille aussehen, wenn du sie designen würdest?

Groß und tragbar. Entweder im Aviator-Style oder Shades mit durchgehender Scheibe. Mattes Silber gefällt mir zurzeit besonders gut, und warm getönte Gläser mit Farbverlauf lassen einen Sonnentag noch kalifornischer aussehen. Eine Sonnenbrille sollte außerdem immer etwas Bling-Bling haben! Das wären so meine Vorstellungen dazu.

Die Cazal-Designs scheinen momentan wieder schwer angesagt, oder?

Auf jeden Fall. Mich freut es natürlich, dass Cazals seit einigen Jahren wieder vermehrt in Musik, Mode und Film auftauchen. Jay-Z, Black Eyed Peas, Rihanna, Gwen Stefani, Pam Anderson, Dsquared, „Rock’n Rolla”, „Crank 2″ und „The Business” zeigen guten Brillengeschmack.

Einige Brillen aus deiner Sammlung sind schon verdammt ausgefallen. Sind diese extravaganten Modelle für dich eher Sammlerstücke oder trägst du sie auch auf der Straße?

Die meisten Modelle trage ich natürlich und lasse sie beim Optiker für mich anpassen. Ich sammle nichts, um es in die Vitrine zu stellen. Außer diese bestimmten Schuhe. Sicher kann man manche Modelle nur für spezielle Anlässe wie Hip-Hop Jams, Partys, Konzerte oder zu Karneval tragen, aber fast alle waren schon mit mir unterwegs.

Schuhe? Also hast du noch eine weitere Sammelleidenschaft?

Ich sammle klassische Vans, die noch in den USA gefertigt wurden. Und die in möglichst ausgefallenen Designs – selbstverständlich ungetragen im Originalkarton. Und die kriegt man nicht in tragbaren Größen. Damals wurden alle Vans noch per Hand und auf direkten Farbwunsch hin in Orange in Kalifornien gefertigt!

Was sagt denn deine Freundin dazu, wenn du mit einer Discokugel auf der Nase spazieren gehst?

Sie unterstützt meine Leidenschaft und kann sich auch für die extravaganten Modelle begeistern. Ich bin gerade dabei, sie von einer fetten Cazal als Korrektionsfassung zu überzeugen. Dann gehen demnächst vielleicht Discokugel und Schrankwand nebeneinander spazieren.

Welches ist das wertvollste Stück in deiner Sammlung?

Für mich zählen nicht die Fantasie-Preise eines Vintage-Suppliers, sondern der subjektive Wert. Dazu gehören auch Beschaffungsgeschichte, Tragekomfort, Hip-Hop Faktor, gegebenenfalls Zubehör und natürlich persönliche Sympathie für das Modell. Ich liebe zum Beispiel meine klare Big Boy 616 mit Custom-Verlaufsgläsern oder die mit Strasssteinen besetzte 623 mit goldverspiegelten Scheiben. Letztere ist zwar weniger tragbar, dafür aber selten. Wichtig ist für mich vor allem, ob die Brille “Made in W. Germany” ist – also, ob sie vor 1989 produziert wurde. Eigentlich ist nur eine West Germany Cazal eine echte Cazal.

Hast du eigentlich Kontakt zu anderen Cazalsammlern? Gibt es so etwas wie eine Szene?

Man läuft immer wieder den gleichen Pappenheimern über den Weg. Sei es bei Ebay oder sonst wo. Weltweit gibt es nur eine handvoll Leute, die intensiv sammeln. Die Facebook-Gruppe “Cazal Phanatics” erfreut sich einiger Mitglieder und ist bei Hardcore-Sammlern weltweit beliebt. Es gibt natürlich auch viele, die drei Modelle besitzen, weil sie den gleichen Hip-Hop Background haben. Diese Leute würde ich aber nicht als Sammler bezeichnen.

By the way … wie viele Brillen nennst du dein eigen?

Momentan 45, Tendenz steigend.

Was geht denn bei Sonnenbrillen deiner Meinung nach gar nicht?

Wenn das Design die Funktion überholt – also wenn man z. B. durch seine schrille Nerdbrille nicht richtig sehen kann. In den frühen 70ern gab es da zum Beispiel die heute hochgehandelte Futura-Reihe von Silhouette. Das waren absolute Nasenraumschiffe. Aber ich finde, jeder Stil hat seine Berechtigung und sein Einsatzgebiet. Gletscherbrillen mit diesen Leder-Scheuklappen kommen im Club vielleicht nicht so prickelnd, aber bei einer Arktisexpedition würde ich darauf nicht verzichten wollen.

Gibt es eigentlich auch Fakes? Hast du schon mal Erfahrungen mit Kopien gemacht?

Nein, mit Fakes hatte ich noch nie Probleme. Die erkennt man sofort. Mit der Nerd-Mode, die momentan so angesagt ist, kommen die alten Formen wieder und man kann die populärsten Vintage-Modelle als billige Kopien für ein paar Dollar kaufen. Die nennen sich dann Gazelle oder Cazel. Es gibt aber auch Firmen, die inoffiziell qualitativ hochwertige Cazal-Fakes nachbauen. Ich habe auch noch nie gesehen, dass ein Fake als echt ausgegeben wurde. Bei Ebay würde das sofort auffallen und unterbunden werden. Generell sind die Dinger für mich total reizlos.

Manche deiner Brillen sind einiges wert. Hast du mit dem Verkauf einer Cazal schon mal Geld verdienen können?

Im Gegenteil – die Sammlung hat mich schon viel Geld gekostet! Nein, im Ernst, primär dienen die Teile meinem Privatvergnügen. Ich biete sie allerdings demnächst über mein Facebook-Profil „Cazalex“ zur Miete für Foto- und Filmproduktionen an. Eine Cazal kann einem Bild oder einer Rolle einen ganz besonderen Charakter verleihen.

Ist es wirklich so, dass du nur Cazals hast oder gibt es auch andere Brillen, die dein Sammlerherz zum Strahlen bringen?

Ich sammle zwar nur Cazal, aber natürlich gibt es auch andere Vintage-Marken oder alte Modelle, denen meine uneingeschränkte Sympathie gilt wie MCM, Colani, B&L Wings, klassische Surfer-Brands wie Vuarnet, frühe Oakleys oder diverse Signature-Modelle. In New York hatte ich mal eine original 14K-goldverspiegelte Wayne Gretzky Brille in der Hand – das war ein super Teil.

Verrate uns doch bitte mal, welches dein Lieblingsmodel ist?

Da gibt es verschiedene. Von Design und Form her flashen mich die asymmetrischen Modelle 858 und 867 aus den späten 80ern, wie MC Hammer sie trug. Immer wieder beeindruckend ist der „Wohnzimmerschrank” 623. Legendär sind die zusätzlich mit Steinen aufgemotzten Modelle der Fat Boys, die wegen ihres Party-Rap bekannt waren. Am stärksten aufgeladen ist für mich allerdings das Modell 951, besonders in der Sport-Box mit unglaublichem Zubehör wie z. B. dem Anti-Sink-Gummiband für den Wassersport. Wenn es aber um Brillen für den Alltag geht, sind für mich die eckige 905 und die 850 genau die richtigen Modelle. Da gibt es dann auch keinen Glotz- und Tuschelfaktor auf der Straße.

Wie weit bist du schon gegangen, um eine Sonnenbrille zu bekommen?

Letztendlich ist es für mich immer eine Frage des Preises. Ich zahle nicht blind jeden Kurs, nur um an die Brille zu kommen, sondern suche nach Quellen aus Nichtsammler-Hand. Dank Internet kommen die Stücke meiner Sammlung aus aller Herren Länder. Viele aus den USA, weil es dort schon früher mehr individuelle Geschmäcker gab als in Europa. Hierzulande findet man eher die braveren Farbkombinationen. Aber auch Japan ist aktiv. Die Jungs und Mädels sind auf hohem Level unterwegs. Gern würde ich mal auf Schatzsuche gehen und in der Weltgeschichte rumgraben, aber dazu fehlt mir leider die Zeit.

Hast du für deine Brillen noch andere Quellen als Ebay?

Ein Sammler gibt niemals seine Quellen preis! Natürlich schaue ich ständig bei Ebay, aber die Preise sind vergiftet. Ich kaufe sowohl neue Lagerware als auch gebrauchte Stücke von privat. Da ich sie selbst auch tragen will, ist mir ein guter Zustand wichtiger als Jungfräulichkeit. Das schönste ist natürlich, wenn man im Keller eines Optikergeschäfts alte Schätze entdecken darf. Auf diese Weise habe ich bereits drei gebrauchte Modelle aus einer „Afrika-Kiste” retten können.

Wo wird dich als Sammler die Zukunft hinführen? Wird es immer etwas geben, das du noch nicht in deiner Sammlung hast?

Oh ja, definitiv. Ich stehe in Kontakt zu einem griechischen Sammler, der noch drei Modelle sucht, um seine Sammlung komplettieren zu können. Dann hat er alle seine Lieblingsmodelle in sämtlichen existierenden Farbausführungen sowie alle seltenen Sondermodelle, frühen Editionen und so weiter Davon bin ich noch Lichtjahre entfernt. Oft geht mein Fanatismus auch über die Brillen hinaus. Zubehör, Merchandise, Poster, Sticker, Displays oder Kataloge sind ebenso heißbegehrt wie die Brillen selbst. Also falls das hier jemand liest, der was loswerden will …

Alex, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen dir viel Erfolg bei der Suche nach weiteren verschollenen Schätzen!

 

Latest Posts

KIRK & KIRK Launches Limited Edition at Only 30 Opticians Worldwide

The Future Is Now // Ava Verce – The First Ambassador Of Virtuality In Eyewear